|
„Keine Angst“, antwortete er zu ihrer Erleichterung, ohne ihr dichtes Haar, das er spielerisch zwischen seinen Fingern hin- und herbewegte, loszulassen. „das wäre wirklich zu langweilig. Nein, ich habe ganz andere Pläne mit dir.“
Bevor sie fragen konnte, was für Pläne das wohl sein mochten, ließ er sich ebenfalls auf die Knie nieder, unmittelbar vor ihr, und sah ihr eindringlich in die Augen. Sie wollte seinem Blick ausweichen, ihn nicht ansehen, war aber zu sehr von der Schönheit und Tiefe seiner Augen fasziniert. Er schien sofort zu bemerken, dass seine Wirkung auf sie nicht nur rein negativer Art war. Als seine Hand ihre Wange berührte, zuckte sie zusammen, denn seine haut war erschreckend kühl, und überhaupt lag es ihr eigentlich fern, so schnell eine solche Nähe zuzulassen.
„Du bist hübsch“, sagte er leise. „Du solltest dir etwas Nettes anziehen, ausgehen und Spaß haben, anstatt dich hier allein mit deinen verstaubten Büchern und Gebeten zu verkriechen.“ „Aber es ist mein Glaube, der mir Freude bereitet“, flüsterte sie, noch immer von seiner Nähe eingeschüchtert, die sie kaum ertragen konnte. „Ich kann mir auf der ganzen weiten Welt nichts Schöneres vorstellen.“ Er lächelte ein vielsagendes Lächeln, das sie nicht zu deuten wusste. „Dann bin ich hier wohl genau richtig. Ich kann dir etwas zeigen, dass dir sicherlich viel mehr Freude machen wird – und es hat nicht, absolut gar nichts mit deinem Gott zu tun.“ Er hatte den Satz kaum beendet, als er sich leicht zu ihr vorbeugte und seine Lippen auf die ihren presste. Erschrocken und zutiefst erschüttert stieß sie ihn von sich und wich gleichzeitig so ruckartig zurück, dass sie unsanft auf dem Rücken landete. Er nutzte die Situation sofort zu seinen Gunsten, beugte sich über sie und küsste sie erneut. Ihre Versuche, sich ihm zu entwinden oder zumindest den Kopf wegzudrehen, scheiterten kläglich. Sie war angeekelt und fasziniert zugleich – noch nie hatte sie zugelassen, dass ein Mann sie küsste, schon gar nicht so, und schon gar nicht ein solcher Mann (wenn er überhaupt ein Mann im herkömmlichen Sinne war), der, schön und geheimnisvoll wie er war, sich ihr so unverschämt näherte und alles missachtete, was ihr heilig war. Trotz alledem und obwohl sie sich aus tiefstem Herzen bemühte, seine leidenschaftlichen Küsse abstoßend zu finden, konnte sie leider nicht leugnen, dass sie ihr insgeheim auf eine Weise gefielen, die sie bisher nicht gekannt hatte.
„Gott steh mir bei!“, flüsterte sie, erschrocken über sich selbst, als er sich von ihr löste und sie amüsiert betrachtete. „Es würde mich wundern, wenn dein Gott dir helfen würde. Um ehrlich zu sein würde es mich sogar wundern, wenn er überhaupt existiert, aber vielleicht erlebe ich ja heute noch eine große Überraschung“, lachte er und begann, noch während er sprach, die obersten Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen. Sie versuchte sofort, ihn daran zu hindern, doch er ergriff ihre beiden Arme und drückte sie ohne unnötige Brutalität zu Boden, wo er sie festhielt. „Wehr dich nicht. Ich weiß doch, dass du es auch willst.“ „Nein, das will ich nicht“, protestierte sie inbrünstig und wand sich unter ihm. Ihre Angst war längst einer verzweifelten Wut gewichen. „Es ist eine Sünde, und ich werde nicht sündigen. Mit Gottes Hilfe kann ich mich dir widersetzen und dich und deine Abscheulichkeiten vertreiben. Und jetzt lass mich los!“ „Bitte.“
Er gab ihre Arme frei, legte sich aber gleichzeitig mit seinem ganzen Gewicht auf sie und fuhr fort, sie leidenschaftlich zu küssen. Zunächst versuchte sie mit ganzer Kraft, sich von ihm zu befreien, doch mit der Zeit musste sie feststellen, dass ihr Widerstand zusehends geringer wurde. Obwohl ihr Kopf ihrem Körper befahl, sich mit allen Mitteln zu verteidigen, reagierte dieser auf eine ganz andere Weise, und so war sie unfähig, sich zu rühren oder gar zu wehren, als er begann, sie und – großer Gott! – auch sich selbst zu entkleiden.
„Gott, hilf mir!“, wiederholte sie flehend mit Tränen in den Augen. „Gott, steh mir bei!“
Alle Götter und Heiligen ignorierten ihre verzweifelten Anrufungen, die ohnehin wenig Erfolg zeigten. Sie war trotz aller Bitten an den Allmächtigen nicht länger in der Lage, dem Eindringling zu widerstehen, auch dann nicht, als er sie nicht mehr nur küsste, sondern auch zu berühren begann. Sie spürte seine Finger an Stellen, die sie allenfalls zu Zwecken der Körperreinigung berührte (und auch dann nicht gern und mit einem denkbar schlechten Gewissen), aber jetzt, wo er es tat, löste er Gefühle in ihr aus, die nicht schlecht oder schamhaft, sondern im Gegenteil intensiv und unglaublich schön waren.
|