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Außerdem änderte sein attraktives Äußeres nichts an der Tatsache, dass er trotz sorgsam verschlossener Fenster und Türen irgendwie in dieses Zimmer gelangt war und sie sich beim besten Willen nicht erklären konnte, wie er das geschafft hatte. Dieser Gedanke beängstige sie. Fast schon reflexartig bekreuzigte sie sich. Der Mann bedachte sie mit einem spöttischen Lächeln und schüttelte den Kopf. „Glaubst du, damit kannst du mich beeindrucken?“, fragte er mit einer Stimme, die ebenso dunkel war wie seine gesamte Erscheinung. Sie antwortete nicht, tat überhaupt nichts, sondern kniete einfach nur da, noch immer die Bibel in der Hand und starrte ihn an. Er erwiderte ihren Blick, schien darauf zu warten, dass sie etwas sagte und als sie stumm blieb, fragte er schließlich: „Hast du deine Sprache verloren?“ Ihre Unsicherheit amüsierte ihn offensichtlich. „Nein“, begann sie kaum hörbar, nicht sicher, was sie überhaupt sagen wollte. „Aber … ich … wer …“
Mehr als ein paar gestammelte Worte kamen ihr nicht über die Lippen. „Ich hatte von dir etwas mehr erwartet“, sagte der Mann grinsend. „Heißt es nicht, dass Glaube Kraft und Sicherheit verleiht? Davon ist bei dir wenig zu spüren.“ Aufgrund seiner Worte gelang es ihr, sich einigermaßen unter Kontrollen zu bekommen und zumindest ein gehauchtes „wer bist du?“ zu äußern, auf das er mit einer abwehrenden Geste reagierte. „Das ist nicht wichtig.“ „Und was willst du von mir?“ Sie war nicht sicher, ob sie seine Antwort überhaupt hören wollte. „Ich habe dich beobachtet“, sagte er und machte zwei Schritte auf sie zu, so dass sie ihn nun noch etwas besser sehen konnte. Er war, wie sie zugeben musste, wirklich von atemberaubender Schönheit. „Jeden Abend habe ich dich beobachtet, wenn du hier zu deinem Gott gebetet hast. Das hat mich, man könnte sagen, amüsiert. Soviel Hingabe an ein Wesen, das dir trotz aller Gebete verborgen bleibt. Also habe ich beschlossen, dich zu besuchen und zu testen, ob dein Glaube wirklich so stark ist, wie du denkst.“
„So bist du ein Engel?“ Für einen Moment keimte Hoffnung in ihr auf. Er war sicherlich schön genug, um ein Engel zu sein, auch wenn sie sich eigentlich vorgestellt hatte, sollte ihr eines Tages tatsächlich einer begegnen, würde er voller Licht und weniger düster sein. Aber wer konnte schon sagen, wie Engel tatsächlich aussahen, wenn man noch keinem begegnet war? „Nein, das nun wirklich nicht“, antwortete er lachend. „Wenn es so etwas wie Engel gäbe, wäre ich wahrscheinlich eher das Gegenteil. Aber sollte jemand wie du nicht erkennen können, wenn er einem himmlischen Geschöpf gegenüber steht?!“
Es war ihr peinlich, dass sie dazu offensichtlich nicht in der Lage war, und sie zuckte wortlos mit den Schultern. Der geheimnisvolle Mann näherte sich ihr erneut, diesmal bis auf wenige Zentimeter, und mit jedem Schritt, den er näher kam, versuchte sie, noch immer auf Knien, ein Stück zurückzuweichen. Als er unmittelbar vor ihr stehen blieb und auf sie herabblickte, fürchtete sie plötzlich um ihr Leben, und in ihrer Angst hielt sie die schön eingebundene Bibel schützend zwischen sich und den ungebetenen Eindringling, der sich davon allerdings herzlich wenig beeindruckt zeigte. Mit sanfter Gewalt nahm er ihr das Buch aus den verkrampften Fingern und ließ es zu Boden fallen. „Was soll das?“, fragte er beinahe zärtlich. „Mach dich doch nicht lächerlich! Glaubst du wirklich, dass dir ein paar Blatt Papier helfen können?“
„Das ist das Wort Gottes“, murmelte sie, hob die Bibel hastig vom Boden auf und legte sie sorgfältig an die richtige Stelle auf dem Altar. Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Woher willst du das wissen? Worte und Erzählungen, die von Menschen wie dir niedergeschrieben wurden – wer sagt dir, dass sie tatsächlich göttlichen Ursprungs sind und nicht nur alte Märchen?“ „Ich weiß es eben“, antwortete sie trotzig und erschrak fast vor ihrem eigenen Mut. „Genauso sicher, wie du mich für einen Engel gehalten hast?“, fragte er mit einem spöttischen Grinsen.
Sie spürte, dass sie errötete und senkte den Kopf. Er streckte seine rechte Hand aus und berührte ihr Haar. Fast zärtlich strichen seine Finger mehrere Sekunden lang über ihren Kopf. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, und sie wagte nicht, sich zu bewegen oder etwas zu sagen.
„Wirst du mich töten?“, fragte sie heiser, als sie endlich die Kraft dazu aufbrachte, und schaute mit angstvoll weit geöffneten Augen zu ihm auf.
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