|
Vater unser
Das kleine Zimmer im Erdgeschoss war von wenigen Kerzen nur so schwach beleuchtet, dass der Mann, der die Straße entlang spazierte und im Vorbeigehen kurz ins Fenster schaute, glaubte, es sei hinter den schweren Vorhängen vollkommen dunkel. In dem kleinen Zimmer standen nur wenige Möbel; ein Tisch, ein Stuhl, ein kleiner Schrank in der Ecke. Schon auf den ersten Blick war zu erkennen, dass es sich hierbei nicht um einen Wohn- oder Schlafraum im herkömmlichen Sinne handelte; wenn das kleine Zimmer aufgesucht wurde (was in der Tat sehr häufig geschah), dann nur zu einem ganz bestimmten Zweck.
An der Wand, die dem Fenster gegenüber lag, stand ein hölzerner Altar, über dem ein ebenfalls hölzerner Heiland am Kreuze hing und permanent an Schuld und Erlösung erinnerte. Auf dem Altar standen zwei brennende Kerzen, neben denen ein Rosenkranz und eine Bibel in einem auffällig schönen Einband lagen. Davor kniete eine junge Frau, die Augen geschlossen, die Hände zum Gebet gefaltet. Ihre Lippen formten stumm die Worte: „Vater unser, der du bist im Himmel …“
Wenigstens zweimal täglich kam sie in das kleine Zimmer, um sich mit ihren Gebeten an den Allmächtigen zu wenden und die Bibel zu studieren, um seine Botschaft noch besser verstehen zu können. Während der Glaube in der sie umgebenden Gesellschaft immer weiter in den Hintergrund trat und fast schon zu schwinden drohte, war ihr persönlicher Glaube, der sie begleitete, seit sie denken konnte, nur immer stärker geworden.
Nichts war ihr wichtiger als ihre Hingabe an den Einen Gott, seinen Sohn, den Messias, und an den Heiligen Geist und die Heilige Mutter Gottes. Auch der sonntägliche Kirchenbesuch war für sie keineswegs zu einem bloßen Automatismus verkommen. Im Gegenteil, sie genoss jeden einzelnen Aufenthalt im Hause Gottes aufs neue und sog die Worte des Priesters begierig in sich auf, auch wenn sie die meisten davon sicherlich bereits mehrere Dutzend Male gehört hatte. Dass sie dabei meist unter Menschen weilte, die nicht selten vierzig oder mehr Jahre älter waren als sie, störte sie im Grunde genommen nicht, aber es machte sie sehr traurig.
Nachdem sie das Vaterunser mit einem inbrünstigen „Amen“ beendet hatte, öffnete sie die Augen und griff nach der Bibel mit dem aufwendig verzierten Einband. Ihre Lieblingspassage waren die Briefe des Paulus, die sie bereits so oft gelesen hatte, dass sie sie auswendig konnte. Früher, als sie noch ein kleines Kind gewesen war, hatte ihre Großmutter ihr Abend für Abend daraus vorgelesen, und nachdem sie lesen gelernt hatte und ihre Großmutter, Gott hab sie selig, gestorben war, hatte sie begonnen, sich selbst vorzulesen. Dabei hatte sie alles um sich herum vergessen und war vollkommen in die Welt, die ihr das Wort Gottes offenbarte, eingetaucht, und genauso war es auch heute noch, wenn sie sich zum Lesen hinsetzte. Heute schlug sie allerdings nicht die Paulusbriefe, sondern zunächst eine andere Stelle auf, die ihr nur unwesentlich weniger vertraut war. Diese stand ganz zu Beginn des Buches und begann mit den Worten: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde …“
Sie verfolgte die Zeilen mit ihrem Zeigefinger und las lautlos Satz für Satz mit. Dass sie eines Tages vielleicht kein Bedürfnis mehr verspüren würde, in diesem wundervollen Buch zu lesen – nein, das konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen.
Ein leises Geräusch in ihrem Rücken ließ sie hochschrecken und für einen Moment in ihrer Lektüre innehalten, um wenige Augenblicke später erneut den Kopf zu senken und sich wieder der Schöpfungsgeschichte zu widmen. Sie hatte die kurze Störung beinahe schon wieder vergessen, als zum zweiten Mal ein Geräusch hinter ihr ertönte, diesmal so laut, dass sie nun regelrecht zusammenzuckte und sich ruckartig umdrehte.
Zu ihrem Erstaunen, nein, zu ihrem Entsetzen musste sie feststellen, dass sie nicht länger alleine im Raum war, sondern dass in einigen Metern Entfernung eine männliche Person neben dem kleinen Holztisch stand und mit vor der Brust verschränkten Armen stumm zu ihr herüber sah, die schmalen, blassroten Lippen zu einem leichten Lächeln verzogen. Er war in einen schwarzen Mantel gehüllt und hatte langes, ebenso tiefschwarzes Haar, das ihm locker über die Schultern fiel. Sein blasses Gesicht, in dem alles perfekt zusammen zu passen schien, war im Halbdunkel und zwischen dem Rahmen, den seine Haare bildeten, deutlich zu erkennen, und ihr entging nicht, dass er überaus hübsch war. Wie üblich erstickte sie jedoch jeden Gedanken, der in diese Richtung ging, bereits im Keim. Es gehörte sich einfach nicht, sich allzu ausführlich mit den körperlichen Vorzügen anderer Menschen zu befassen, und das galt auch für abendliche Eindringlinge, die plötzlich in ihrer Wohnung auftauchten und sie beim Bibelstudium störten.
|