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Stranger in the night - Seite 3

„Warum machst du das?“, fragte sie leise. „Ich meine, ich merkte doch selber, dass ich heute eine wirklich furchtbare Gesellschaft bin, und du hast dir den Abend doch sicher ganz anders vorgestellt.“
Er lächelte geheimnisvoll und zuckte mit den Schultern, ohne etwas darauf zu entgegnen.
„Nein, wirklich, ich möchte es wissen“, bohrte sie nach. „Du musst das nicht machen, ich komm auch alleine klar.“
„Doch, ich muss genau das machen.“ Er zwinkerte ihr zu, und sie wunderte sich über den jungenhaften Ausdruck, den sein Gesicht dabei bekam und der nicht so recht zum Rest von ihm passen wollte. „Ich habe dir doch gesagt, ich habe eine Schwäche für traurige Frauen – und ich werde das Gefühl nicht los, dass du heute Nacht vielleicht noch Dummheiten machst, wenn ich dich hier alleine sitzen lasse. Meinst du nicht, ich würde mir dann einige Vorwürfe machen?“
Jetzt war sie es, die mit den Schultern zuckte und betreten auf die Theke blickte, wo sich die nassen Ränder, die ihre diversen Gläser auf dem Holz hinterlassen hatten, zu einer Art olympischer Ringe vereinigten.
„Also, was sagst du?!“, hörte sie ihn fragen, und obwohl sie nicht hinsah, wusste sie, dass er noch immer lächelte, während er sprach. „Nimmst du mein Angebot an?“
Die Nächte waren nicht mehr ganz so warm, wie es noch vor wenigen Wochen der Fall gewesen war, und der kühle Wind, der von Zeit zu Zeit durch die Straßen wehte, ließ bereits die baldige Ankunft des Herbstes erahnen. Trotzdem war die Luft angenehm klar (besonders dann, wenn man zuvor stundenlang in einer verrauchten Bar gesessen hatte) und lud förmlich zu einem Spaziergang ein.
Sie atmete tief ein, ließ die spürbar kältere Luft etwas länger als normal in ihrem Lungen und blies sie dann mit einem hörbaren Zischen wieder hinaus. Bereits nach wenigen Sekunden war sie insgeheim froh darüber, eingewilligt zu haben, auch wenn es ihr ungewohnt schwer fiel, ihre Füße koordiniert voreinander zu setzen und neben ihrem Begleiter geradeaus zu gehen. Das war der Alkohol, ja, sicher, aber es war auch diese merkwürdige Situation, dieser ganze merkwürdige Abend, der sie hierher verschlagen hatte und sie nun mit einem zwar sehr charmanten, aber immerhin fremden Mann durch die Nacht schlendern ließ. 
„Ist mit dir alles in Ordnung?“, fragte er mit einem Seitenblick auf ihre Beine, als könnte er sehen, dass sie sich innen drin wie Pudding anfühlten.
„Jaa … mir ist nur – irgendwie schwindelig“, murmelte sie verlegen und musste bei jedem Schritt auf ihre Füße schauen, um zu wissen, wohin sie sie zu setzen hatte. Es war ihr peinlich, dass er ihr Taumeln bemerkt hatte (dabei hatte sie sich doch so zusammengerissen), und das „irgendwie schwindelig“ war maßlos untertrieben. Alles drehte sich, inklusive ihr selbst.
Sie hatte kaum ausgesprochen, als sie bereits etwas überrascht wahrnahm, dass er vorsichtig, fast ein bisschen schüchtern, seinen Arm unter ihren schob und sich bei ihr einhakte. Das war ihr recht, sehr sogar, nicht nur, weil ihr damit das Gehen tatsächlich ein wenig leichter fiel. Seine Nähe fühlte sich gut an. Es war schön, zu spüren, dass jemand da war.
„Besser so?“, fragte er leise.
Sie nickte. „Ja, viel besser, danke.“
Sie schwiegen einen Moment, und während sie schwiegen, fragte sie sich stumm, was ihr Mann wohl dazu sagen würde, wenn er sie so sehen könnte, wenn er wüsste, dass sie jetzt gerade mit einem anderen Mann Arm in Arm durch die menschenleeren Straßen spazierte, anstatt irgendwo in Tränen aufgelöst Trübsal zu blasen. Wahrscheinlich wäre er halb rasend vor Eifersucht und würde zutiefst bedauern, was passiert war und sie bitte, zu ihm zurückzukommen. Der Gedanke gefiel ihr. Das geschähe ihm ganz recht. Fast wünschte sie sich, er würde jetzt um die nächste Ecke biegen. Sie konnte sich bildlich vorstellen, wie er …
„Denkst du an deinen Mann?“
Die Stimme ihres Begleiters riss sie abrupt aus ihren Gedanken, die schon mehr eine Rachephantasie zu werden drohten. Sie nickte erneut, ohne ihn anzusehen.
„Entschuldige, wenn ich das sage“, fuhr er leise fort, „aber er muss sehr dumm sein, wenn er dich so traurig macht.“
„Ja, manchmal ist er das“, stimmte sie noch leiser zu und versuchte, die Tränen, die ihr heiß in die Augen stiegen, zu unterdrücken. Jetzt zu weinen hätte den Eindruck, den sie in den letzten Minuten von sich selbst gewonnen hatte, augenblicklich zerstört, und außerdem befürchtete sie, dann dem Mann an ihrer Seite heulend in die Arme zu fallen. Nicht, dass sie sich nicht gut vorstellen konnte, ihm in die Arme zu fallen, der Gedanke gefiel ihr sogar erschreckend gut, aber nicht so.
„Wenn ich an seiner Stelle wäre“, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu, „würde ich besser auf dich acht geben und dich nicht zu dieser nachtschlafenden Zeit alleine durch die Stadt laufen lassen.“
„Ist doch meine Sache“, murmelte sie, überlegte, ob sie hinzufügen sollte, dass sie wirklich keinerlei Gesellschaft suchte, und tat es schließlich nicht.
„Natürlich, da hast du vollkommen Recht.“ Er lächelte ein derart warmherziges Lächeln, dass sie ihre ablehnende Haltung fast bedauern ließ.

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