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Stranger in the night - Seite 2


„Ich denke mir nur, wenn eine junge Frau mitten in der Nacht mutterseelenallein in einer Bar wie dieser sitzt“, der Barkeeper warf ihm einen bösen Blick zu, „und so sehr dem Alkohol zuspricht, wird wohl einer meiner Geschlechtsgenossen dafür verantwortlich sein …“
Sie zuckte mit den Schultern und starrte auf das erneut gefüllte Glas.
„Und wenn es so wäre?“, fragte sie, ohne ihn anzusehen und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass er ihren wunden Punkt genau getroffen hatte.
„Dann hätte ich jetzt das dringende Bedürfnis, den schlechten Eindruck, den dieser Mann hinterlassen hat, zumindest ein bisschen wieder gut zu machen – und außerdem müsste ich dir dann mitteilen, dass ich unter einem seltenen Gen-Defekt leide und immer, wenn ich einer junge Frau mit Liebeskummer begegne, zwanghaft versuchen muss, sie aufzuheitern.“
Auf ihren erstaunten Blick hin grinste er frech und zwinkerte ihr zu. Sie musste unwillkürlich lachen und schüttelte den Kopf. Ein dummer Spruch, sicher, aber trotzdem das Beste, das sie den ganzen Abend über gehört hatte.
„Siehst du“, sagte er, „es funktioniert.“
Sie stellten sich einander vor und gaben sich die Hand, wobei er eine kleine, angedeutete Verbeugung machte und sie von dieser Geste insgeheim schwer beeindruckt war. Sonst kannte sie keine derart höflichen Männer. Nicht einmal annähernd.
„Und“, begann er anschließend, „verrätst du mir jetzt auch, wer der Mann ist, der dich hier ganz alleine mit Freund Alkohol sitzen und Trübsal blasen lässt?“
Sie zögerte und nippte an ihrem Glas, das sie so fest in der linken Hand hielt, als sei es das letzte, woran sie sich noch festhalten konnte. Eigentlich hatte sie keine Lust, all das, was sie hierher getrieben hatte, noch einmal aufzuwühlen, wo es doch in ihrem Kopf gerade erst leicht zu verblassen begann, und es dann auch noch einem völlig Fremden zu erzählen.
„Mein Mann“, antwortete sie schließlich, „aber wenn ich ehrlich bin, möchte ich eigentlich nicht drüber reden …“
Ihr Gesprächspartner zuckte wortlos mit den Schultern.
„Tut mir leid“, sagte sie und versuchte ein schmales Lächeln in seine Richtung. „Ich weiß, ich bin nicht besonders gesprächig. Um ehrlich zu sein, es geht mir ziemlich beschissen, und ich bin heute sicher nicht mehr sehr unterhaltsam …“„Das macht nichts“, entgegnete er und gab zum wiederholten Mal ein unglaublich warmherziges Lächeln zurück, zu dem sie in diesem Moment nicht fähig gewesen wäre. „Wenn es dich nicht stört, würde ich trotzdem gern weiter mein Glück versuchen. Was das Aufheitern angeht, meine ich. Ich habe nämlich den Eindruck, es tut dir nicht gut, alleine zu sein.“
Sie nickte. Den Eindruck hatte sie auch, aber bis vor wenigen Minuten war niemand da gewesen, der ihr hätte Gesellschaft leisten können. Bis auf den blonden, bebrillten Barkeeper, der aber mehr daran interessiert war, ordentlich Umsatz zu machen. Sie war schon jetzt froh, den freundlichen, unscheinbaren Mann nicht mit einem unmissverständlichen Spruch weggeschickt zu haben. Seine ruhige, besonnene Art fühlte sich im Gegensatz zu dem Chaos, das in ihr herrschte, wirklich gut an. Um ihm zu zeigen, dass sie eigentlich nicht halb so mürrisch und abweisend war, wie es ihm vielleicht vorkam, fragte sie ihn, was er trinken wollte.
„Danke, aber ich trinke nicht“, lehnte er höflich ab, was sie war einmal mehr erstaunte. Sonst kannte sie auch keine Männer, die eine Einladung, die etwas mit Alkohol zu tun hatte, abgelehnt hätten. „Und wenn ich das sagen darf, du solltest es auch besser sein lassen.“
„Ich weiß.“ Sie schaute auf das fast leere Glas in ihrer Hand. „Eigentlich bin ich auch gar nicht so.“
Natürlich war ihr bewusst, dass eine Aussage wie diese nichts, aber auch gar nichts erklärte, aber es war ihr auch nicht möglich, etwas anderes, etwas Besseres zu sagen, das ihm vielleicht hätte klar machen können, was in ihr vorging. In ihrem Kopf brummte es fürchterlich. Das lag zum einen an der allgemeinen Verwirrung, die sie fast im ganzen Körper spürte, zum anderen aber auch an dem stetig steigenden Alkoholpegel.
Sie seufzte und leerte auch das fünfte Glas – oder war es bereits das sechste?!
„Wenn du mir aber einen anderen Wunsch erfüllen möchtest …“, begann er, ohne den Satz sofort zu beenden, wie man es gewöhnlich tat.
Sie bedachte ihn nach diesen Worten mit einem mehr als skeptischen Blick, auf den hin er amüsiert grinste und den Kopf schüttelte.
„Nicht das, was du vielleicht denkst. Ich würde gern draußen ein paar Schritte mit dir spazieren gehen. Die frische Luft wird dir sicher gut tun, besser, als der Alkohol, und vielleicht hilft es dir, deinen Kopf ein wenig freizubekommen. Und wer weiß, vielleicht hast du ja irgendwann doch Lust, dir alles von der Seele zu reden.“
Dieser Vorschlag überraschte sie ein weiteres Mal. Sie hatte allenfalls erwartet, dass sie noch eine Weile nebeneinander sitzen und sich anschweigen und er dann angesichts ihrer in den tiefsten Keller gesunkenen Laune recht bald das Weite suchen würde, aber es schien, als hätte er ganz andere Pläne. 

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