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Stranger in the night

„Noch einen!“

Der Barkeeper warf der jungen Frau einen kurzen, prüfenden Blick zu, nickte dann, und wenige Augenblicke später stand ein neues, randvoll gefülltes Glas vor ihr auf dem Tresen. Gin Tonic. Der vierte – oder war es bereits der fünfte? Sie hatte nicht mitgezählt. Aber was spielte das auch für eine Rolle?! Schließlich war sie alt genug und konnte trinken, was und wie viel sie wollte.
Dabei trank sie sonst eigentlich nicht viel, um nicht zu sagen, eigentlich trank sie sonst so gut wie überhaupt nichts. Eigentlich ging sie so spät abends auch nicht mehr aus, und schon gar nicht alleine. Das war nicht ihre Art, weder das eine, noch das andere. An einem gewöhnlichen Abend hätte sie um diese Zeit gemütlich auf dem Sofa gelegen, dem Flimmern des Fernsehers zugeschaut und wäre dann irgendwann in den Armen ihres Mannes eingeschlafen, wie sie es meistens tat. Aber das hier war alles andere als ein gewöhnlicher Abend.
Ein heftiger Streit mit ihrem Mann hatte sie aus der gemeinsamen Wohnung in die Nacht hinaus getrieben. Sie wusste schon jetzt nicht mehr, worum es überhaupt gegangen war; dass sie sich stritten, kam in letzter Zeit häufiger vor, aber noch nie war eine ihrer Auseinandersetzungen derart ausgeartet. Irgendwie hatte ein Wort das andere ergeben, und plötzlich hatten sie sich gegenseitig nur noch angeschrieen und sich unschöne Dinge an den Kopf geworfen, die sie wahrscheinlich beide gar nicht so gemeint hatten. Sie zumindest hatte es nicht so gemeint.
Trotzdem hatte es wehgetan, sich vom eigenen Ehemann ihre angeblichen Fehler und schlechten Seiten aufzählen lassen zu müssen, zu sehr, um es einfach so hinnehmen zu können. Früher waren die beiden in ihrem Freundeskreis so etwas wie das Traumpaar gewesen. Sie waren schon seit der Schulzeit zusammen und hatten gleich nach dem Abitur geheiratet. Vielleicht war das der Fehler gewesen. Vielleicht waren sie – beide – einfach noch zu jung für eine Ehe gewesen.
Dabei hatte es vier Jahre lang gut funktioniert. Sie waren glücklich gewesen und hatten sogar schon darüber nachgedacht, ein Kind zu bekommen. Jetzt war sie mittlerweile froh, dass sie sich noch nicht dazu entschieden hatte. Seit einigen Monaten schon kam es ihr so vor, als entfernten sie und ihr Mann sich immer weiter voneinander, als lebten sie in unterschiedlichen Welten, die einander nicht mehr erreichen oder verstehen konnten. Wie es dazu kommen konnte – das wusste sie selbst nicht. Bisher hatte sie immer gedacht, das passiert nur den anderen oder allenfalls älteren Ehepaaren, die sich nach zwanzig oder dreißig Ehejahren einfach unterschiedlich entwickelt hatten. Aber jetzt war es ihr selber passiert, und sie wusste nicht, ob das, was sie beide einmal verbunden hatte, überhaupt noch zu retten war.
Sie hatte fluchtartig die Wohnung verlassen, war eine Weile ziellos durch die Straßen geirrt und schließlich durstig und atemlos vor der kleinen Bar mit der Leuchtreklame am Fenster stehen geblieben, in der sie nun bereits seit zwei Stunden saß und ihre Wut und Enttäuschung mit Hochprozentigem zu lindern versuchte. Dass es nicht funktionierte, war ihr egal. Sie wusste nicht, was sie sonst hätte tun sollen. Bei einer ihrer Freundinnen vor der Tür zu stehen und um Asyl zu bitten – nein, dazu schämte sie sich zu sehr. Dazu graute ihr zu sehr vor dem Gerede, das all das nach sich ziehen würde. Sie hatte keine andere Wahl, als diese Krise allein zu meistern. Ohne ihren Mann, der in den letzten Jahren ihr ein und alles gewesen war, hatte sie nur noch sich selbst. Und das, fand sie, war herzlich wenig.
Das eisgekühlte Getränk rann mit einem leichten Brennen ihre Kehle hinab und sorgte für das angenehm warme Gefühl im Bauch, das sie spüren ließ, dass es in ihr auch noch etwas anderes außer Traurigkeit gab. Langsam wurde ihr schwindelig. Sie war soviel Alkohol in so kurzer Zeit nicht gewohnt und ahnte, dass sie bald ziemlich betrunken sein würde – sie war seit, ach, sie wusste gar nicht mehr, wann, nicht mehr betrunken gewesen, aber es fühlte sich erstaunlich gut an, vor allem, weil ihr alles um sie herum gleichgültig zu werden begann. Das war doch genau das, was sie gebrauchen konnte. Gleichgültigkeit. Einfach drauf scheißen.
Sie leerte das Glas mit einem tiefen Schluck und hielt es dem Barkeeper entgegen, der mit jedem Mal, dass sie das tat, ein wenig skeptischer dreinschaute, um ihr anschließend doch ihren Wunsch zu erfüllen. Wenigstens einer, der gut zu ihr war und genau wusste, was sie wollte.

„Ich nehm noch einen!“

„Wenn du so weitermachst, gibt es morgen ein böses Erwachen“, sagte eine männliche Stimme neben ihr.
Sie drehte sich um, in der Absicht, der Person nicht unbedingt höflich zu verstehen zu geben, dass sie auf ungebetene Ratschläge von irgendwelchen alleinstehenden Männern gut verzichten konnte, aber als sie sich dem Fremden, der neben ihr stand, zugewandt hatte, kam sie nur dazu, ihn mit leicht geöffnetem Mund anzusehen. Dabei war er nicht einmal ein besonders atemberaubender Anblick. Eigentlich war er sogar eher unscheinbar, nur etwa so groß wie sie selbst, dunkelhaarig, mit einem kleinen Kinnbart. Der leichte Grauschimmer seiner Schläfen verriet, dass er um einiges älter sein musste als sie. Das alles machte ihn jedoch noch nicht zu etwas Besonderem. Es war sein überaus freundlicher, wohlwollender Gesichtsausdruck, der sie dazu brachte, nicht einmal halb so schroff zu antworten, wie sie es ursprünglich beabsichtigt hatte.

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