|
Arndt lachte hämisch. „Aber ich habe euch doch schon beide. Nur das was ich eigentlich gewollt hatte, hat Larissa nicht mitgeschickt, oder?“ Ich riss erstaunt die Augen noch weiter auf. Dieser Kerl wusste von Larissa anscheinend mehr, als ich gedacht hatte. Wahrscheinlich mehr als ich selbst. Unbewusst war meine Hand zu meiner Jackentasche gewandert, in der sich der kleine Gegenstand befand, den Lady Larissa mir mitgegeben hatte. Der widerliche Bürgermeister kreischte fast vor Lachen, er hatte meine Bewegung mit seinen Blicken verfolgt und als das gedeutet, was sie war. Ich hatte mich verraten und nun sollte er doch alles bekommen was er wollte und uns noch als Zugabe dazu. Larissa hatte uns in eine Todesfalle geschickt. Ich hatte keine Chance. Die deformierten Wesen um mich herum entrissen mir einfach meine Jacke und entleerten die Taschen. „Das da“, schrie Arndt. „Bringt mir diesen Lederbeutel.“ Ein Haifischgrinsen legte sich auf sein Gesicht. Eilfertig rannte ein buckliger Kerl los, watete bis zur Hüfte ins Wasser und überreichte Arndt den Beutel. „Ah“, stieß er hervor. „nach so langer Zeit Larissa. Jetzt werde ich endlich obsiegen.“ Er nestelte an der ledernen Schnur, die den Beutel verschloss und holte einen kleinen spindelförmigen Gegenstand zum Vorschein. Sein Gesicht verzerrte sich. Er ließ die Spindel fallen. „Nein“, kreischte er, dann ging alles in einem hellen Lichtblitz unter. Als ich wieder zu mir kam, stand die Sonne schon hoch am Firmament. Ich lag auf einer mit hohem Gras bewachsenen Wiese. Neben mir lag Tatjana. Ich wälzte mich herum und kroch zu ihr hin. Sie war tot. Fort. Ihre blauen Augen blickten gebrochen gen Himmel. Der Schmerz der meine Brust zu zerreißen drohte, war viel schlimmer, als das Herzstechen, das mich gelegentlich heimsuchte. Ich wiegte sie in meinen Armen, heiße Tränen rollten über meine Wangen. Larissa, verdammt. Das sollst du mir büßen, war das Einzige was in meinen Gedanken noch Bestand hatte.
Endlich stand sie vor mir. Schön, trotz der langen weißen Haare und ihres undefinierbaren Alters. Ihre grauen Augen blickten mich mitleidsvoll an. „Sie haben uns in eine Falle laufen lassen. Mit voller Absicht. Tatjana ist tot. Das ist allein Ihre Schuld“, schrie ich sie an. „Es tut mir leid, Boris“, antwortete sie sanft. Ich wollte ihr an die Kehle. Sie langsam erwürgen, aber irgendetwas hielt mich davon ab. Noch. „Ich muss dir und Tatjana danken. Ihr habt so viel getan. Du kannst gar nicht ermessen wie viel.“ „Das hilft mir nicht und ihr auch nicht“, schrie ich. „Oh doch. Das war dein letzter Auftrag, Boris. Du bist jetzt frei“, sagte sie ruhig. Ich kicherte irre. „Frei. Was soll das? Soll ich jetzt gehen und Sie kommen ungeschoren davon?“
„So ungefähr. Du bist mir als Freund, Diener und Gefährte lieb geworden, in all den Jahren. Aber jetzt soll das eine Ende haben“, antwortete Larissa. „Willst du deine Erinnerungen zurück, Boris, bevor ich dir deine Freiheit zurückgebe?“
Was sollte das? Ich begriff überhaupt nichts. Larissa berührte mich nur sanft an der Stirn. Dann traf mich ein Schlag wie von einem Hammer. Alles stürzte auf mich ein. Auf einmal. Ich wurde schon vor Jahrzehnten ermordet. Ein Dolchstoß mitten ins Herz. Hatte ich deswegen immer unter Herzschmerzen gelitten? Wegen meiner außergewöhnlichen Fähigkeiten hatte Lady Larissa mich zurückgeholt. Nach jedem Auftrag von ihr - ihr ewiger Kampf gegen ihre mächtigen Feinde - wurde mir mein Gedächtnis genommen und mehrmals auch mein Tod. Tatjana war nicht meine erste Gefährtin, da gab es schon andere. Vor ihr. Mit einemmal fühlte ich, wie mein Körper unter mir wegsackte und zu Boden sank. Ich sah mich selbst zu Larissas Füßen liegen, sie weinte. Ich entfernte mich immer schneller.
Was kam jetzt? Ein neuer Tod ?
|