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Tatjana zitterte. Ein Schleifen. Ein Patschen, wie von übergroßen Füßen, oder Flossen. Ein gluckerndes Geräusch, das aus großer Tiefe zu kommen schien. Meine Hand umfasste Tatjanas fester. Die andere Hand zog die Pistole aus dem Halfter. Ich konzentrierte mich. Meine außergewöhnlichen Sinne nahmen seltsame tintige Emanationen im Nebel vor uns wahr. Ich zog Tatjana zur nächsten Häuserwand. Schweratmend pressten wir uns dagegen. „Was ist das?“, flüsterte meine Liebste. Ich schüttelte nur den Kopf. Ein dunkles, riesiges Etwas glitt schabend vor uns durch die undurchdringliche Nebelwand. Mit angehaltenen Atem warteten wir, bis es sich wieder entfernt hatte.
„Lass uns gehen, Boris. Lass uns von hier verschwinden, das übersteigt unsere Kräfte“, kam leise und flehentlich von Tatjana. Ich presste die Lippen fest aufeinander. Als ich schließlich zustimmen wollte, ertönte ein dumpfer, auf und abschwellender Gesang, nicht weit von uns. Wobei der Ursprungsort der Geräusche durch den Nebel nur schwierig zu bestimmen war, denn der Schall wurde reflektiert und verzerrt.
„Komm, mein Schatz“, flüsterte ich zurück. „Wir wagen nur einen Blick, dann verschwinden wir von hier.“
Widerstrebend ließ sich meine Gefährtin bis zur Hausecke führen. Ich spähte um die Ecke herum, konnte aber nur den Schatten eines größeren Gebäudes erkennen. Es wirkte irgendwie seltsam verdreht und nicht geometrisch auf mich, was aber auch am dicht wallenden Nebel und meinen vibrierenden Nerven gelegen haben kann. Der Gesang kam von dort. Nun klangen auch wieder die dunklen Trommeln auf, die ich nachts schon vernommen hatte. Ein schwerer langsamer Rhythmus. Plötzlich peitschte etwas durch die Luft, umschlang Tatjanas Hüfte und entriss sie meiner Hand. Blitzschnell zog sich der Tentakel, oder was auch immer es war, mitsamt meiner Geliebten wieder in den Nebel zurück. Nur ein kleiner leiser Schrei entrang sich ihrer Kehle. Ich starrte fassungslos in die grauen Schwaden, dann auf meine leere Hand. Endlich sprang ich mit einem Schrei los. Hinterher. „Tatjana. Liebling“, rief – kreischte ich. Ich rannte, stolperte über irgendetwas, fiel und rappelte mich wieder hoch. Ein leiser Schrei, ein verklingendes ‚Boris’, wehte zu mir herüber. Ich verdoppelte meine Anstrengungen und sprintete wieder los, bis ich schließlich fast gegen die Mauer des seltsamen Gebäudes prallte. Endlich besann ich mich und konzentrierte mich auf Tatjana. Dort. Ich konnte ihre Aura auch ohne meine visuellen Sinne wahrnehmen. Sie war in diesem Haus. Mit ausgestreckten Armen tastete ich mich an der Wand entlang, bis ich endlich auf einen Eingang stieß. Zu meiner Verwunderung war dieser nur angelehnt. Ich drückte die Tür auf, die sich widerlich schleimig anfühlte und betrat einen dunklen Gang. Dieser Gang war gewunden und gedreht und trotzdem konnte ich an seinem Ende einen schwachen Lichtschein sehen. Ich rannte los, kam, ob der sinnverwirrenden Beschaffenheit des Flurs, immer wieder ins Taumeln und musste mich wiederholt an den glitschigen Wänden abstützen. Als ich das Ende des Flurs erreichte, stieß ich die schiefe Tür auf und befand mich in einem riesigen Raum, in dem ein giftgrünes Leuchten herrschte, das die Szenerie noch unwirklicher wirken ließ, als sie sowieso schon war. Inmitten der Halle befand sich ein großer schwarzer Block aus Granit oder ähnlichem Material. Ein Altar oder Opferstein vermutete ich. Er war von einem breitem Streifen schwarzen, ölig schimmernden Wasser umgeben. Links und rechts des Steins standen mannsgroße Pauken, die von jeweils einem Mann in langsamer Folge geschlagen wurden. In konzentrischen Kreisen um Stein und Wassergraben hatten sich mehrere Dutzend Leute versammelt. Alle wirkten irgendwie falsch – deformiert, obwohl man es auf Grund der grauen Kutten, die sie trugen nicht mit Sicherheit sagen konnte. Vor dem Stein stand ein hochaufgerichteter Mann, der eine grüne Kutte trug. Als er sich umdrehte konnte ich ihn erkennen. Es war niemand anderer, als Bürgermeister Arndt. In der linken Hand hielt er einen langen Dolch mit gezackter Klinge. Ein eisiger Schrecken durchzuckte mich, als ich erkannte, das eine zusammengekrümmte Gestalt auf dem Steinblock lag. Also doch ein Opferstein. Die Gestalt war meine Tatjana.
Die Trommeln verstummten. Arndt und alle anderen blickten in meine Richtung. Der Bürgermeister grinste und machte eine winkende Bewegung mit dem Arm. Sofort stürmten ein halbes Dutzend der Gestalten auf mich los. Ich hob die Pistole und schoss dreimal. Zwei der Angreifer fielen, die anderen kamen weiter auf mich zu. Irgendetwas sauste durch die Luft und blieb in meiner rechten Schulter stecken. Ein kurzer Speer hatte mich mit Wucht getroffen. Ich taumelte einen Schritt zurück, Schmerzen verspürte ich keine und feuerte wieder. Ich konnte nicht erkennen, ob ich noch irgendeinen Erfolg erzielt hatte, denn da waren sie schon über mir und rissen mich zu Boden. Aus, dachte ich nur. Doch dann vernahm ich die Stimme des Bürgermeisters, die anscheinend irgendwelche Befehle erteilte. Ich wurde hochgerissen, meine Arme wurden brutal nach hinten gebogen und dann Richtung Altar geschleppt. Kurz vor dem schwarzschimmernden Wasser wurde ich zu Boden gedrückt.
„Ah, jetzt habe ich gedacht ich muss mich mit ihrer liebreizenden Frau zufrieden geben, Herr Iljaschin. Doch nein, sie kommen von selbst zu uns, um unsere große Nacht mit uns zu feiern.“ „Sie Irrer, was soll das alles? Lassen sie Tatjana gehen, sie können mich dafür haben“, schrie ich so laut ich konnte.
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