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Der letzte Auftrag
Schmerzerfüllt verzog ich mein Gesicht. Die stechenden Schmerzen in meiner Brust waren wieder da. Zwar nur kurz, aber dafür nachdrücklich. Immer wieder überkam mich die Angst vor einer Herzattacke, wenn ich solche Momente durchlitt. Im nächsten Moment jedoch war es wieder vorbei. Tatjana, meine Gefährtin und Geliebte deutete nach draußen. „Sieh nur, Boris. Es hat zu regnen aufgehört, aber nun scheint es Nebel zu geben.“ Ich blickte ebenfalls aus dem Fenster unseres Zimmers. „Ja, der Nebel kommt vom Fluss her. Was für eine dicke Brühe“, antwortete ich.
Als wir gestern Nachmittag hier, in Ruppenstieg, angekommen waren, hatte es wie aus Eimern gegossen. Heute hatte es sich endlich aufgeklart, jedoch jetzt, als die Abenddämmerung einsetzte, kam schwerer grauer Nebel auf. Wir waren im Auftrag von Lady Larissa unterwegs, um Arndt, dem Bürgermeister von Ruppenstieg einen persönlichen Brief von ihr zu übergeben. Offiziell. Inoffiziell sollten wir uns hier auch etwas umsehen. Laut Lady Larissa war es in diesem kleinen Ort, der in einem, von felsigen Hügeln umgebenen Tal direkt am Fluss lag, zu seltsamen Ereignissen gekommen. Leute waren spurlos verschwunden – meist Fremde, die hier nur auf der Durchreise waren. Wir waren Detektive, die auf solche, etwas außergewöhnlichen Fälle spezialisiert waren. Es war nicht der erste Auftrag für Lady Larissa, denn die Entlohnung war immer mehr als angemessen. Gleich nach unserer Ankunft hatten wir dem Bürgermeister den Brief überbracht. Ein freundlicher Mann mittleren Alters, der uns sogleich zum Tee einlud. Am Abend speisten wir in unserer Herberge und waren froh für diesen Tag, nicht mehr in den strömenden Regen hinaus zu müssen. Die Wirtsstube war einfach, aber sauber und das Essen schmeckte ausgezeichnet. Die wenigen Einheimischen, die sich ebenfalls in dem Gasthaus aufhielten, waren allerdings etwas seltsam. Die Gespräche, die wir von draußen noch vernommen hatten, waren schlagartig verstummt, als wir die Stube betraten. Wir wurden von allen Anwesenden ausgiebig gemustert. Als wir höflich einen guten Abend wünschten, war nur ein undeutliches Gemurmel zu vernehmen und fast alle wandten sich wieder von uns ab. Einige jedoch behielten uns weiterhin im Auge. Während des Essens konnte ich feststellen, das die meisten der anwesenden Dorfbewohner einen seltsamen Gesichtsausdruck zur Schau stellten. Irgendwie geistesabwesend, fast schon so, wie man es oft bei geistig Behinderten sehen konnte. Auf einige belanglose Fragen unsererseits, erhielten wir entweder gar keine Antwort, oder nur undefinierbares Gebrummel. Da wir von der Fahrt noch erschöpft waren, begaben wir uns früh zu Bett. Einmal wachte ich in der Nacht auf. Ich sprang aus dem Bett und eilte ans Fenster. Hatte ich geträumt? Nein, da konnte ich es wieder vernehmen. Ein langgezogenes Heulen, gefolgt von dumpfen Schlägen, wie von einer Trommel. Dann herrschte wieder Stille. Lange Zeit konnte ich nicht mehr einschlafen, wollte Tatjana jedoch nicht aufwecken, die immer noch selig schlummerte. Erst als der Morgen schon graute verfiel ich wieder in unruhigen Schlaf.
Nach dem Frühstück erzählte ich Tatjana von meiner nächtlichen Wahrnehmung, woraufhin wir beschlossen, uns bei Einbruch der Dämmerung in diesem Ort etwas umzusehen. „Ich habe kein gutes Gefühl, Boris. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht“, warnte mich meine Gefährtin. Auf Tatjanas Gefühle konnte man sich fast immer verlassen, schließlich war sie ein Medium und hatte sehr feine Sinne. Trotz des harmlosen Eindrucks, den dieses Dorf vermittelte wollten wir auf der Hut sein. Ich erinnerte mich noch im letzten Augenblick an den kleinen Gegenstand, der in einem Lederbeutel verborgen war, den mir Lady Larissa mitgegeben hatte und steckte ihn in meine Jackentasche. Zunächst liefen wir wie harmlose Spaziergänger durch einige Straßen des Ortes, wobei wir immer versuchten irgendetwas Ungewöhnliches zu entdecken. Nichts, absolut nichts, war auch nur bemerkenswert. Selbst Tatjana konnte nichts feststellen. Der Nebel jedoch kroch immer mehr die Hänge herauf und erreichte bald das Zentrum der Ortschaft. Zuerst hatten wir noch von, unserem leicht höher gelegenen Standpunkt aus beobachten können, wie die Nebelbänke sich über die Wiesen und durch die Gassen bewegten. Schließlich waren auch wir von den feuchten grauen Schwaden umgeben. Es prickelte auf der Haut und es wurde unangenehm kalt. Fast als ob ein Wille dahinter stecken würde, umhüllte der Nebel bald das gesamte Dorf.
„Boris“, Tatjanas Stimme war leise und zitterte leicht. „Dieser unheimliche Nebel bringt etwas mit sich. Etwas Fremdes. Etwas ... etwas Grauenvolles.“ Ich nahm ihre Hand und hielt sie fest. Auch mir stellten sich die Haare im Nacken auf. „Ja, Liebes. Ich spüre es auch“, antwortete ich. „Wir werden sehr vorsichtig sein.“
Die Dunkelheit war schon hereingebrochen, es herrschte nur noch schwaches diffuses Licht. Man konnte keine fünf Schritt weit sehen. Wir hatten uns Richtung Fluss bewegt, wussten aber nach kurzer Zeit schon nicht mehr, wo wir uns eigentlich befanden. Ich rutschte auf etwas Weichem, Glitschigem aus. Tatjana musste mich stützen, sonst wäre ich der Länge nach hingefallen. Dann drangen seltsam verzerrte Laute durch die wattige Wand aus feuchter Luft an unsere Ohren.
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