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Franzl war neugierig und auch mutiger geworden. Daher schlug er die nächste Seite auf. Hier blickten ihm zwei Kinder entgegen, die Hand in Hand durch den Wald liefen. „Schau Stoffel, das sind Hänsel und Gretel, die von ihren Eltern in den Wald geschickt wurden und dann zum Hexenhaus gekommen sind. Papa hat mir diese Geschichte schon oft erzählt.“ Kaum hatte Franzl den Satz beendet, hatte er das Gefühl, als ob sich die beiden Kinder auf dem Bild bewegten. Auch Stoffel stellten sich die Haare auf und er jaulte leise und ängstlich. „Ah, endlich werden wir erlöst, Gretel“, ertönte eine Kinderstimme aus dem Buch. Und schon hüpften die beiden Figuren aus den Buchseiten auf die Bettdecke. „Ah, tut das gut, wieder frei atmen zu können“, entgegnete der kleine Hänsel. „Schnell, blättere die anderen Seiten auf, damit all die anderen Märchenfiguren auch heraus können.“ Dabei sah er den Jungen aufmuntert an. Franzl, der das alles nicht begreifen konnte, folgte automatisch der Aufforderung. Innerhalb weniger Minuten war sein ganzes Bett übersät mit Märchenfiguren. Da saßen Schneewittchen und die sieben Zwerge, Rotkäppchen mit ihrer Großmutter und dem Wolf, der die Zähne zeigte, als er Stoffel sah. Flink schlüpfte Däumeling aus den Buchseiten. Der war so klein, dass man ihn kaum von einer Fliege unterscheiden konnte. Die sieben Raben flatterten im Zimmer umher und Schneeweißchen und Rosenrot hielten sich bei den Händen und genossen ihre Freiheit. Immer neue Gestalten hüpften auf die Bettdecke und alle redeten durcheinander. Franzl schaute nur mit erstaunten Augen zu. Wie war das alles möglich? Als die Figuren etwas ruhiger wurden und nicht mehr kreuz und quer über das Bett sprangen, wagte Franzl eben diese Frage zu stellen: „Kann mir einer erklären, wie das kommt, dass ihr lebendig geworden seid?“ Sofort verstummte das Stimmengewirr und König Drosselbart, der an seinem roten langen Rauschebart zu erkennen war, antwortete: „Ja weißt du, mein Junge, in einer Burg gibt es viele Geheimnisse. Es braucht manchmal nur ein wenig Mondlicht und schon geschehen hier die seltsamsten Dinge.“
Von einem auf den anderen Moment erstarrten die Figuren. Auch Stoffel, der aus Platzmangel neben dem Bett stand, spitzte die Ohren. Aus dem Zimmer nebenan drangen Geräusche. Das laute Durcheinanderreden hatte die Eltern geweckt und einer von ihnen näherte sich der Zwischentür, die die beiden Räume miteinander verband. „Schnell, das Buch her. Wir müssen sofort verschwinden“, befahl Drosselbart mit gedämpfter Stimme. „Erwachsene dürfen uns nicht sehen, sonst ist der Weg in unsere Geschichten versperrt. So lautet ein ungeschriebenes Gesetz. Obwohl es uns hier draußen sehr gut gefällt, müssen wir wieder zurück, denn ohne uns gäbe es für die Kinder keine Märchen mehr.“ Franzl hielt ihnen kurzer Hand das Buch entgegen. Blitzschnell verschwanden die Märchenwesen zwischen den Seiten, ohne dass es zu einem Gedrängel kam.
Als sich langsam die Tür öffnete und die Mutter ins Zimmer schaute, lag Franzl bereits wieder unter der Decke, Stoffel auf dem Bettvorleger und das dicke Buch sicher verwahrt unter dem Kopfkissen. Beide, Hund und Junge, schienen fest zu schlafen. Etwas erstaunt zog sich die Mutter wieder in ihr Schlafzimmer zurück.
Franzl lag noch eine Weile still und dachte über sein Erlebnis nach. Plötzlich kam ihm der Gedanke: ‚Waren alle Figuren auch wieder in ihrem eigenen Märchen angekommen? Hatte er nicht beobachtet, wie der Wolf zusammen mit Schneewittchen in derselben Geschichte verschwunden war und der Frosch bei den Sieben Geißlein?’ Aber Franzl konnte es heute Nacht nicht mehr überprüfen, da sich der Mond hinter einer dicken Wolke versteckt hatte. Ob es allen Figuren gelungen war, wieder in die richtige Geschichte zu gelangen, erfahrt ihr daher in der nächsten Geschichte von Franzl, Stoffel und dem seltsamen Märchenbuch.
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