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Gerade noch war ein kleines Loch in der Hecke gewesen. Aber als sich Franzl wieder ans Werk machen wollte, um den nächsten Ast herauszuschneiden, war es schon wieder zugewachsen. „Das gibt es doch nicht“, schimpfte der Junge und schnitt nochmals eine Lücke in das Rosengeflecht. Doch kaum hatte er die Äste auf die Seite gelegt, hatte sich die Hecke bereits wieder geschlossen und zwar noch dichter als zuvor. „Da kommen wir nie in das Schloss“, jammerte Franzl und war den Tränen nahe. „Potzblitz, das kann nicht sein!“, brummte Drosselbart, schnappte sich die Schere und schnitt ebenfalls in den Dornenstrauch. Franzl, der ja Handschuhe besaß, zog die Ästchen heraus und beobachtete, was geschah. Doch dieses Mal schloss sich die Hecke nicht wieder. Die Drei hatten sogar den Eindruck, als wichen die Dornenzweige von selbst zurück. Mit einer Leichtigkeit konnten sie sie nun auf die Seite biegen und erreichten in kurzer Zeit das Tor des Schlosses. „Was hat das zu bedeuten?“, fragte Franzl, als sie ungehindert in den Schlosshof traten. „Zuerst wächst die Hecke so schnell, dass ich Angst bekommen habe, sie wolle uns auch noch überwuchern, und dann können wir sie einfach wegdrücken.“ Drosselbart zwirbelte nachdenklich seinen roten Bart. Plötzlich leuchteten seine Augen auf und er rief: „Natürlich, dass ich nicht schon längst darauf gekommen bin. In dem Moment, als ich die Schere angesetzt habe, in diesem Augenblick waren die hundert Jahre des Schlafes zu Ende.“ Franzl schaute den König fragend an, bis dieser erklärte: „Du weißt doch, wie das Märchen verläuft. Die dreizehnte weise Frau, die aus Platzmangel bei der Taufe von Dornröschen nicht eingeladen wurde, wünschte ihr, dass sie mit fünfzehn Jahren tot umfallen solle, wenn sie sich an einer Spindel sticht. Dies konnte aber die zwölfte weise Frau, die ihre Segenswünsche noch nicht ausgesprochen hatte, mildern, indem sie den Tod in einen hundertjährigen Schlaf abänderte. Und diese Zeit ist mit dem heutigen Tag abgelaufen.“ „Jetzt müssen wir nur noch Dornröschen finden“, rief Franzl dazwischen und rannte in das Schloss hinein. Hier erwachten die Menschen langsam aus ihrem Schlaf. Doch wo war Dornröschen? Auch da konnte Drosselbart wieder helfen. „Franzl, du musst in den Turm hinaufsteigen. Dort ist die Spinnstube untergebracht.“ Kaum hatte es der König ausgesprochen, lief Franzl los. Stoffel, der ihm durch das ganze Schloss gefolgt war, blieb müde im Hof zurück, wo er sich zu drei anderen Hunden gesellte, die gerade aus tiefem Schlaf erwachten.
Als Franzl vor der Tür des Turmzimmers angekommen war, hörte er Stimmen aus dem Raum. Außer Atem öffnete er die Holztür und sah gerade noch, wie sich ein junger Mann in fescher Kleidung über ein junges Mädchen beugte, das gerade aufzuwachen schien.
Verdutzt blieb Franzl stehen. Während er mit Drosselbart und Stoffel durch die Räume im Schloss gelaufen war, kam der junge Prinz nach ihnen auf dem Schlossgelände an und ging schnurstracks zu dem Turmzimmer. „Pech gehabt“, flüsterte Drosselbart hinter dem Jungen. „Da war einer schneller als du.“ Dabei grinste er in seinen Bart hinein. „Macht nichts. Ich bin für so etwas wohl eh noch zu jung“, stellte Franzl fest und schluckte seine Enttäuschung hinunter. Leise, ohne dass die Beiden im Turmzimmer sie bemerkten, schloss der Junge die Tür und kehrt mit Drosselbart in den Schlosshof zurück.
Dort wurden er von Stoffel und den drei anderen Hunden freudig begrüßt. Die Wachhunde waren übrigens die einzigen, die die Eindringlinge in die Dornröschengeschichte überhaupt bemerkten. Bevor die anderen Schlossbewohner richtig wach wurden, drängte König Drosselbart zur Eile. „Los, beeil dich, Franzl“, rief er, „wir müssen schnellstens aus dem Märchenbuch. Der Mond wird bald nicht mehr ins Zimmer schienen.“ Mit diesen Worten packte er den Jungen am Arm und … ruck zuck waren sie wieder in Franzls Schlafzimmer angelangt. Suchend schaute sich Franzl um. „Wo ist Stoffel? Hast du ihn nicht mitgenommen?“, rief er Drosselbart zu. Dieser sah ängstlich zum Fenster. „Der Mond ist gleich weg. Ich will trotzdem versuchen, ihn zu finden.“ Und mit einem Satz war der König wieder im Buch verschwunden. Es dauerte nur zwei drei Sekunden, als der Schwanz des Hundes aus dem Buch schaute. Franzl griff zu. Doch in diesem Moment legte sich eine kleine Wolke über den Mond und verdeckte ihn. Der Junge zog und zog, aber der restliche Körper des Tieres blieb zwischen den Seiten stecken. „Bitte, bitte lieber Mond, scheine noch mal“, flehte Franzl. Als hätte es der Mond gehört, fiel zwischen der Wolke ein kleiner Lichtstrahl hindurch, direkt auf das Märchenbuch. Schnell ergriff Franzl den Schwanz des Hundes und mit einem „Schwupp“ war Stoffel aus dem Buch befreit. Kaum saßen die beiden erschöpft auf dem Bett, als der Mond hinter dem Fensterrahmen verschwand und das Zimmer ins Dämmerlicht eintauchte.
Dieses war wohl das letzte Abenteuer, das Franzl und Stoffel mit dem Märchenbuch erlebten, denn Onkel Ferdinand musste aus gesundheitlichen Gründen den Verwalterposten auf der Burg aufgeben.
Ob das Märchenbuch von anderen Kindern im Regal entdeckt wurde, hat Franzl nie erfahren...
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